1.000.000.000$. Hundert Milliarden Dollar. So reich ist Amazon-Chef Jeff Bezos laut dem Finanzdienst Bloomberg. Seit dem diesjährigen Black Friday ist er damit der reichste Mann der Welt. Er zog sogar an Bill Gates vorbei – allerdings nur, weil der Microsoft-Mitgründer einen großen Teil seines Vermögens gespendet hat. Der Multimilliardär ist in vielerlei Hinsicht ein Phänomen. Sein Werdegang ist einzigartig: Als einfacher Buchhändler arbeitete sich der Hochbegabte in den Olymp der Superreichen hoch. Doch dieser Erfolg blieb nicht ohne Preis – Jeff Bezos ist nicht nur als knallharter Geschäftsmann bekannt, sondern sieht sich auch regelmäßig mit Vorwürfen unethischen Verhaltens konfrontiert. Wir haben seine bewegte Laufbahn für euch zusammengefasst.

Started from the bottom

Es war einmal ein Mann mit einer Idee, eisernem Willen und einer Garage an der US-Westküste. Amazons Geschichte beginnt wie das ultimative Klischee eines Start-Up-Märchens. Aus einfachen Verhältnissen stammend äußerte sich Bezos‘ außergewöhnliche Intelligenz früh. Schon als Kind verschlang er Bücher regelrecht und studierte die Mechanik eines Karussells, statt damit zu fahren. Im zarten Alter von zehn Jahren rechnet er seiner Großmutter vor, um wieviele Jahre früher sie wegen ihres Zigarettenkonsums sterben wird – eine Anekdote, die bezeichnend für den Charakter des Moguls zu sein scheint. Sowohl in seinen Anfängen als Gründer als auch heute als CEO zieht er sachlich und strategisch in rasendem Tempo am Mitbewerb vorbei. Doch die Menschlichkeit bleibt scheinbar auf der Strecke.

Schon früh war Bezos vom Internet fasziniert. Nicht nur das – er war einer der ersten, die das Potenzial der globalen Datenautobahn erkannte und alles darauf setzte. Er schmeißt seinen lukrativen Wall Street Job hin und startet im Juli 1994 seinen Traum in der berühmten kalifornischen Garage: ein Online-Buchladen mit Millionen von Titeln. Die ersten Bücher soll er noch persönlich in einem alten Chevy Blazer zur Post gebracht haben. Doch das dauerte nicht lange an, denn das Projekt wuchs mit rasender Geschwindigkeit. Die Internetriesen ebay und Google machten in ihren ersten fünf Geschäftsjahren 400 Millionen und 1,5 Milliarden Umsatz. Amazon brachte es auf 2,8 Milliarden in derselben Zeit. Heute, 23 Jahre später, ist die Marke Amazon knappe 140 Milliarden Dollar wert.

Gnadenlos.com

By U.S. Department of Defense photo by Senior Master Sgt. Adrian Cadiz [CC BY 2.0 or Public domain], via Wikimedia Commons

Um ein Haar hätten wir jedoch unsere Weihnachtsgeschenke auf www.relentless.com bestellt. Relentless – übersetzt gnadenlos – war Bezos erste Idee für den Namen seines Traums, bis ihm Freunde davon abrieten. Das Rennen als Namensgeber machte schließlich der Amazonas, der mit Abstand größte aller Flüsse. Gibt man heute relentless.com in den Browser ein, kommt man auf die Startseite von Amazon. Tatsächlich werden die Unternehmensstrategie sowie Bezos‘ Führungsstil scheinbar damals wie heute von Gnadenlosigkeit geprägt. Diese wird sowohl nach außen als auch nach innen gelebt. Spätestens seit dem Erscheinen der Biographie „Der Allesverkäufer„, verfasst vom amerikanischen Journalist Brad Stone, machen irritierende bis verstörende Erzählungen über den Internetpionier die Runde.

Amazons Geschäftsstrategie ist mehr als aggressiv. Bezos hochpersönlich betitelte die Behandlung von Kleinverlegern „Gazellen-Projekt“. Kleine Buchverlage, deren Überleben an Amazon gebunden ist, werden zu günstigeren Konditionen gezwungen. Sie werden gejagt wie Gazellen von einem Geparden.

Auch Bezos‘ Mitarbeiter bekommen die Bedeutung von „relentless“ zu spüren. Die Fluktuation ist hoch, die Qualität der Arbeitskonditionen niedrig. Ist man ihm direkt unterstellt, sollen Seitenhiebe unter der Gürtellinie keine Seltenheit sein. In den Versandzentren wurde ein Strafkatalog mit Punktesystem eingeführt. Erreicht man sechs Punkte, wird man entlassen. Einen Punkt kostet beispielsweise eine Krankmeldung. Der außergewöhnliche Erfolg des Internetimperiums beruht zu einem großen Teil auf dem harten Arbeits-Ethos seines Gründers. „Arbeit über alles“ – diese Anforderung stellt Jeff Bezos an sich selbst sowie an seine Arbeitskräfte.

Die Liste ließe sich noch lang fortsetzen. Dementi seitens des Unternehmens gibt es wenige. 2015 behauptet die New York Times in einem vernichtenden Artikel, dass höhere Angestellte mit Absicht an ihre psychischen Belastungsgrenzen getrieben werden. Bezos bestritt daraufhin in einer Memo das im Beitrag beschriebene Arbeitsklima, erklärte jedoch keines der angeführten Beispiele für erfunden.

Die ganze Welt und mehr

Man muss jedoch kein Jeff Bezos-Fan sein, um Amazon als eines der fortschrittlichsten und zukunftsbildendsten Unternehmen der heutigen Zeit anzuerkennen. Das einstige Garagen-Projekt hat das Konsumverhalten der Menschheit revolutioniert. Und der CEO denkt schon lange noch viel weiter: Bezos investiert Milliarden in sein Projekt „New Glenn“ – eine riesige Rakete, die bereits 2020 fliegen soll. Sein Traum ist es, noch mitzuerleben oder zumindest mitzubegründen, wie die Menschheit den Weltraum besiedelt. Sein Vorwärtsdenken und seine Innovationsbereitschaft ist einzigartig in der heutigen Unternehmerwelt und wird ihn vermutlich noch Großes leisten lassen.