Tequila, Tacos, Traumstrände – das kommt vielen zuerst in den Sinn, wenn der Name des lateinamerikanischen Landes fällt. Tatsächlich ist das Klischee in diesem Fall gar nicht weit von der Realität entfernt: Tacos gibt es an jeder Straßenecke, Nächte ohne Tequila-Shots sind äußerst selten und wer nach paradiesischen einsamen Stränden sucht, wird schnell fündig. Doch Mexiko wartet nicht nur mit kulinarischen Köstlichkeiten und atemberaubender Natur auf. Eine weitere Besonderheit ist die tief verwurzelte, einzigartige mexikanische Kultur. Diese ist vor allem eines: anders. Bereist man Mexiko als Europäer, hat man die Möglichkeit, in eine fremde Welt einzutauchen. Selbstverständlich sind dafür Touristen-Hochburgen wie Cancún, wo eher das Verhalten amerikanischer Urlauber als typisch mexikanische Eigenschaften zu bestaunen ist, zu meiden. Unsere Autorin hat ein Jahr in Mexiko verbracht und für euch wichtige Fakten abseits von Trinkgeld-Regeln und Begrüßungsgesten zusammengefasst.

Mi casa es tu casa

Eine berühmte mexikanische Eigenschaft ist die Gastfreundschaft. Egal, woher oder wie lange man sich kennt: Gäste werden wie ein vollwertiges Familienmitglied behandelt. Wird man zu einer mexikanischen Familie eingeladen, muss man damit rechnen, Berge von Essen, einen Schlafplatz und lebenslange Freundschaften angeboten zu bekommen. Vor allem Besuch aus fremden Ländern wird besonders liebevoll umsorgt. Mexikaner sind äußerst stolz auf ihr Land und lieben es, dieses Ausländern von seiner besten Seite zu präsentieren. Doch Angeberei oder Oberflächlichkeit sind nie im Spiel – Fremde werden hier ohne Zögern mit einer absolut ehrlichen Herzlichkeit aufgenommen, die man in Europa selten findet. „Aquí tienes tu casa – Hier bist du zuhause“ ist wohl der Satz, den ich während Besuchen am öftesten hören durfte. Es entsteht der Eindruck, als wären Mexikanern ihre Besitztümer mehr wert, wenn sie diese mit anderen teilen können. Ein Grundsatz, der in unserer Gesellschaft zwar oft als Lebensmotto gepredigt, aber nur selten tatsächlich gelebt wird.

Höflichkeit ist Trumpf

Ganz klassisch für ein lateinamerikanisches Land sind Mexikaner auffallend freundlich und herzlich. Die kollegiale Sprache ist zwar von Kraftwörtern geprägt und Beleidigungen unter Freunden werden gerne scherzhaft ausgesprochen und aufgenommen. Doch die niedrige Formalität im privaten Bereich darf keinesfalls einem Mangel an Manieren gleichgesetzt oder auf die Berufswelt umgelegt werden. Denn Höflichkeit hat in der zwischenmenschlichen Kommunikation oberste Priorität und ist im Zweifelsfall wichtiger als harte Fakten. Das heißt selbstverständlich nicht, dass Mexikaner lügen – jedoch würden sie vor allem im offiziellen Rahmen nie etwas sagen, das ihr Gegenüber bloßstellen oder gar verletzen könnte. Oft wird daher Kritik oder negatives Feedback bis zur Unkenntlichkeit abgeschwächt oder gar nicht ausgesprochen. Im Vergleich pflegen Europäer einen viel direkteren Umgang miteinander.

Zeit ist relativ

Ebenfalls gut bekannt unter den mexikanischen Eigenschaften ist das Zeitgefühl. Dieses verursacht meist Gewöhnungsbedarf: In Mexiko – wie vermutlich in vielen lateinamerikanischen Ländern – ticken die Uhren anders. Während sich die Berufswelt je nach Branche immer mehr an internationale Standards anpasst, ist der Begriff Pünktlichkeit im privaten Bereich äußerst dehnbar. Zwei Stunden später als verabredet zu einem Treffen zu erscheinen, ist nichts Außergewöhnliches. Zwar gibt es hierbei regionale sowie persönliche Unterschiede, ein Pünktlichkeitsverständnis wie in Westeuropa erwartet man jedoch vergeblich. Neben einer allgemein entspannteren Lebenseinstellung ist wohl ein Grund, dass die mexikanischen Verkehrsmittel wesentlich unzuverlässiger sind. In ländlicheren Regionen mangelt es oft an Transportmitteln, während in größeren Städten Monsterstaus zur Rush Hour an der Tagesordnung sind. Es ist daher meist schwierig, Ankunftswege genau zu planen.

No pasa nada – Kein Problem!

Viele mexikanische Eigenschaften könnten unser Leben bereichern. Eine davon ist der Umgang mit Hindernissen und Rückschlägen. Im privaten wie im beruflichen Bereich neigen wir in unserer Gesellschaft dazu, uns ausführlich mit auftretenden Problemen zu beschäftigen. Wir analysieren sie, wollen ihrer Ursache auf den Grund gehen und lassen unser Handeln davon beeinflussen – oft, um das Problem in Zukunft zu vermeiden. Dadurch schreiben wir Hindernissen oder negativen Erfahrungen automatisch eine große Bedeutung zu. Die meisten Mexikaner nehmen Probleme hin, wie sie kommen – und machen einfach weiter. Dabei sind sie äußerst zuversichtlich und der Meinung, dass es immer einen Weg gibt. Da allgemein vieles chaotischer abläuft und es weniger Beständigkeit gibt, scheint es, als ob Mexikaner an Planänderungen, spontane Absagen und Misserfolge gewöhnt sind. Daher geben sie Problemen nicht so viel Macht über ihr Tun. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass auch problematische Abläufe, die geändert werden könnten, oft einfach hingenommen werden. Fortschritt kann durch diese Einstellung auch behindert oder verlangsamt werden.

México lindo y querido – Schönes, geliebtes Mexiko

Mexiko mag immer wieder vom Drogenkrieg gebeutelt werden und mit sozialen Missständen zu kämpfen haben. Doch eines wird wohl trotzdem nie getrübt werden: die Liebe der mexikanischen Bevölkerung zu ihrem Land. So präsent die nationalen Probleme von Zeit zu Zeit auch werden, die Mexikaner haben nicht nur die Kunst, das Leben zu genießen, gemeistert. Sie lassen sich auch in ihrem Stolz nicht beirren. Dieser wird bei jeder Gelegenheit zelebriert – sei es an Feiertagen, durch die außergewöhnliche nationale Küche, traditionelle Kleidung oder andere Brauchtümer. Kommt man als Reisender nach Mexiko, hat man daher die Gelegenheit, eine extrem stark gelebte, tief verankerte Kultur zu erleben; eine Erfahrung, die mich wohl ein ganzes Leben lang begleiten wird.