Vollbeschäftigung hat einen hohen Stellenwert, wenn es um politische Versprechen geht. Der aktuelle US-Präsident Donald Trump hat während seines Wahlkampfs beispielsweise in regelmäßigen Abständen betont, dass er mehr Jobs schaffen würde als je ein Präsident zuvor. Aber auch hierzulande hat Vollbeschäftigung hohe Priorität, so versprach auch Angela Merkel in ihrem Programm zur Bundestagswahl Vollbeschäftigung bis 2025. Der Begriff wird von der Bevölkerung ohne weiteres Hinterfragen positiv assoziiert, wird er doch mit einer starken Wirtschaft in Verbindung gebracht. Warum das Streben nach Vollbeschäftigung unter aktuellen Berechnungen aber durchaus in Frage gestellt werden, wie der Wohlstand auch ohne Arbeit erhalten werden kann und welche alternativen Möglichkeiten wir mit der gewonnenen Zeit hätten, wird manche Leser sicherlich überraschen.

Was ist Vollbeschäftigung?

Grundsätzlich kann man sagen, dass alle Menschen, die einen Arbeitsplatz suchen, auch einen finden bzw. gefunden haben. Betrachtet man Deutschland, kommt man auf eine Gesamtbevölkerung von 81,5 Millionen Menschen. Davon können oder wollen aber nicht alle einer Tätigkeit nachgehen, was verschiedene Gründe haben kann. Das tatsächliche Arbeitskräftepotenzial liegt weit darunter. 17,5 Millionen Menschen stehen dem Arbeitsmarkt überhaupt nicht zur Verfügung, weil sie entweder zu alt oder zu jung sind. In Deutschland liegt das Arbeitskräftepotenzial bei ca. 55 Millionen, also gut 2/3 der Gesamtbevölkerung. Davon müssen aber wiederum Personen herausgerechnet werden, beispielsweise diejenigen, die theoretisch arbeiten könnten, aber aufgrund ihrer guten finanziellen Lage überhaupt nicht auf der Suche sind.

Laut dem statistischen Bundesamt zählen 44,9 Millionen Menschen zu den Erwerbspersonen (selbstständig/angestellt). Die Menschen innerhalb dieses Personenkreises, die keine Arbeit finden, gehören zu den Arbeitslosen und werden in die Arbeitslosenquote eingerechnet. In Deutschland waren das ca. 2,5 Millionen oder 5,6%. Eine Quote von 0% ist insofern unrealistisch, da saisonale Faktoren (Bau/ Gastronomie) oder nicht vermittelbare Personen immer in diese Quote fallen werden. Ökonomen sprechen daher bei ca. 3% von Vollbeschäftigung. 

Was machen wir eigentlich?

Durch Arbeiten wird in einem Land Wohlstand geschaffen. Seit dem 2. Weltkrieg, als Europa in „Schutt und Asche“ lag, hat sich insbesondere Westeuropa zu einem der wohlhabendsten Regionen der Welt entwickelt. Dennoch sind viele Menschen hierzulande unzufrieden, während in anderen Teilen der Welt der Kontinent eine enorme Strahlkraft hat. Funktionierende Sozialsysteme, Gesundheitsvorsorge für alle, Zugang zu Bildung, eine sehr gute Infrastruktur und vor allem Chancen in diesem Ausmaß sind global betrachtet eher eine Seltenheit.

In einer Welt, in der alles im Überfluss vorhanden ist, gilt Beschäftigung also dennoch als Hauptziel der Politik? Es besteht kein Zweifel daran, dass es fortlaufende Tätigkeiten gibt. Ärzte, Lehrer, Busfahrer, Bäcker, Fitnesstrainer, Schauspieler und sehr viele andere Tätigkeiten müssen ausgeübt werden, unabhängig von der Schaffung von Wohlstand. Auch wenn es ausreichend Wohnraum und Infrastruktur gibt, muss die Instandhaltung sichergestellt und auch mal ein neues Haus gebaut werden, während ein altes abgerissen wird und Designer, Forscher und Unternehmer haben neue Ideen und garantieren den gesellschaftlichen Fortschritt.

Burn-Out ist ein Hauptproblem moderner Gesellschaften und Work-Life-Balance wird immer wieder betont anstatt es als Selbstverständlichkeit zu erachten. Doch müssen wir wirklich alle mindestens 40 Stunden pro Woche arbeiten?

Vollbeschäftigung

Digitalisierung als Chance verstehen

Wie im vorigen Absatz bereits erwähnt, müssen viele Tätigkeiten immer bzw. fortwährend ausgeübt werden. Die Digitalisierung und der zunehmende technische Fortschritt machen viele Tätigkeiten aber langfristig überflüssig. Der Beruf des Taxi-, LKW- oder Busfahrers wird durch autonomes Fahren in naher Zukunft nicht mehr existieren. Supermarktverkäufer wird es in einer Welt von Amazon Go ebenfalls nicht mehr geben. Mitarbeiter in klassischen Bankfilialen werden durch Fintech Apps ersetzt werden. In klassischen Produktionsfirmen arbeiten heute schon kaum noch Menschen. In Zeiten von Virtual Reality müssen wir immer seltener reisen um beispielsweise an Konferenzen teilnehmen zu können, was wiederum einen geringeren Flugverkehr bedeuten würde. Die Liste könnte lang fortgesetzt werden.

Düstere Zukunft oder goldene Zukunft?

Werden die Arbeitslosenzahlen in der Zukunft kontinuierlich steigen? Neue Arbeitsplätze entstehen im IT-Sektor, wobei der Zuwachs an Arbeitsplätzen im IT-Sektor nicht annähernd mit den Verlusten im Niedriglohnsektor zu vergleichen ist. Theoretisch könnte man aber argumentieren, dass wir weniger arbeiten müssten, da die Technik unsere Aufgaben übernimmt bei gleich bleibendem bzw. durch höhere Produktivität steigendem  Wohlstand.

Die eigentliche Herausforderung liegt in der Verteilungsfrage. Während arbeitende Menschen ein Einkommen für sich und ihre Familien erwirtschaften und zusätzlich Steuern zahlen und so zum staatlichen Umverteilungsmechanismus beitragen, werden Maschinen nicht besteuert. Der Produktionsfaktor Arbeit ist außerdem für den Unternehmer viel teurer als der Produktionsfaktor Maschine. Schreitet der Prozess voran und werden immer mehr Arbeitskräfte durch Maschinen ersetzt, muss ein fundamentales Umdenken stattfinden.

Die Argumentation, dass ein cleverer und fleißiger Geschäftsmann sich Wohlstand aufbauen kann, der nicht auf harter Arbeit, sondern auch auf klugen Investitionsentscheidungen und der Bereitschaft risikoreiche innovative Projekte zu fördern beruht, ist in einer Marktwirtschaft absolut legitim und sollte volle Anerkennung von der Gesellschaft bekommen. Die Digitalisierung zeigt aber gewisse Grenzen hierfür auf und die Gerechtigkeitsfrage in der Gesellschaft zu diskutieren ist durchaus legitim.

Ein immer populärerer Ansatz ist das bedingungslose Grundeinkommen. Wenn Vermögen, das beispielsweise durch den technischen Fortschritt geschaffen wird, z.B. durch eine Maschinensteuer, gleichmäßig in Form eines Einkommens (z.B. 1000,— Euro) bedingungslos an jeden Menschen im Land ausbezahlt wird, hätten alle Menschen mehr Zeit. Anstatt unzählige sinnlose Arbeiten zu machen bzw. uns durch Maschinen ersetzen zu lassen, könnten wir uns den wichtigen Dingen im Leben widmen.

Anstatt zu arbeiten könnten wir sagen „Ich gehe heute mein Leben genießen“. Sie könnten z.B. mehr Zeit mit Ihrer Familie verbringen, die Großmutter besuchen, die so oft alleine ist, aber auch einfach mal Zeit für sich haben und z.B. Yoga machen, spazierengehen, öfter ins Theater oder auf Reisen gehen. Inspiration finden Sie z.B. in unserem Magazin. Und wer sich jetzt fragt, wer bei einem bedingungslosen Grundeinkommen noch in der Altenpflege arbeitet, die Straßen kehrt oder die Toiletten putzt: es wird genug Menschen geben, die mehr als 1000 Euro verdienen wollen. Vielleicht macht diese Arbeit keiner mehr für 8,50 Euro, aber dann wären diese Arbeiten wenigstens fair bezahlt.