„Und was machst du?“ ist die erste Frage, die mir gestellt wird, wenn ich jemanden kennenlerne. Die Antwort: Mein Beruf. Früher war es mein Studium. Dieser Ablauf ist in unserer Gesellschaft so normal, dass ich lange keinen weiteren Gedanken darauf verschwendet habe. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich nicht mehr studiert und keinen Beruf hatte – zumindest keinen, über den ich gerne gesprochen und mit dem ich mich identifiziert habe. In dieser Situation zu sein, kann jedem sehr schnell passieren. Du verlierst überraschend deinen Job, du wechselst dein Studium oder – wie in meiner Situation – absolvierst es erfolgreich, um danach zu bemerken, dass du eigentlich etwas ganz anderes machen willst und überhaupt noch viel zu wenig von der Welt gesehen hast. Gerade keinen Job zu haben oder sich eine Zeit lang mit Nebenjobs über Wasser zu halten, ist eigentlich nichts Außergewöhnliches. Trotzdem redet kaum jemand darüber. Die meisten von uns haben das große Glück, in einer Gesellschaft zu leben, die ein stabiles Auffangnetz für solche Situationen bietet. Doch selbst, wenn deine finanzielle Lage Raum für Pausen, Selbstfindungsphasen oder Neuanfänge ermöglichen würde oder du den notwendigen familiären Rückhalt dafür hättest, hindert das damit verbundene soziale Stigma viele daran, das auch zu tun. Und wenn du es tust, kommt da jedes Mal, wenn du dich vorstellst und jemandem eigentlich erzählen willst, wer du bist, diese Frage: „Was machst du?“ Und danach kommt die kurze Pause, in der du denkst: „Wenn ich arbeitslos bin, mache ich nichts? Bin ich nichts? Wenn ich gerade in einem Callcenter arbeite, um Rechnungen zu bezahlen, ist es das, womit ich mich jetzt präsentiere?“

Ich arbeite, also bin ich?

Der Grund: Wir definieren uns über unsere Arbeit. Wir arbeiten nicht als Marketingleiter bei Firma XY, wir SIND Marketingleiter und SIND bei XY. Und das ist auch das Erste, was wir anderen Menschen über uns erzählen. Neuen Bekanntschaften beim Kennenlernen sowie alten Freunden auf die Frage, was es Neues gibt. Auf den ersten Blick mag daran nichts schlecht erscheinen; schließlich ist es doch das Ziel vieler, sich mit ihrer Arbeit zu identifizieren und darin Erfüllung, vielleicht sogar Lebenssinn zu finden. Leider ist das jedoch der Idealfall und tritt oft erst in einer späteren Lebensphase oder gar nicht ein. Nur wenige gehören zu den Kämpfern, die ihre Leidenschaft zum Beruf machen. Die Realität ist, dass viele Menschen einer Tätigkeit nachgehen, in der sie keinen Sinn sehen. Auch daran ist selbstverständlich nichts verwerflich. Aber wieso suchen wir unsere Identität trotzdem in diesen Jobs? Wieso präsentieren wir uns anderen gegenüber damit, welche Aufgaben wir erledigen, um unsere Miete bezahlen zu können? Wieso beantworten wir die Frage „Was machst du?“ nicht mit „Ich bin ein Hobbykoch, der gerne lange schläft und Hip Hop liebt“? oder „Ich schreibe jeden Tag, schau mir gerne alte Filme an und gehe oft joggen“? Wäre das nicht viel aussagekräftiger, als die monetäre Erwerbstätigkeit, der wir nachgehen? Sollten uns die Dinge, die wir gerne machen, nicht viel eher definieren, als die Dinge, mit denen wir Geld verdienen?

Gefährliche Work-Life-Balance

Die der Generation der jetzigen Berufseinsteiger legt laut Studien mehr Wert auf eine Work-Life-Balance und stellt mehr Anforderungen an ihre Arbeitgeber, was durchaus positive Entwicklungen nach sich zieht. Unternehmen sind gefordert, Arbeitsbedingungen laufend zu verbessern und ihre Mitarbeiter gut zu behandeln. Wer außer einem guten Gehalt nicht viel bietet, findet immer schwerer passende Fachkräfte. Doch diese Entwicklung hat auch eine Schatten- oder zumindest nicht ganz sonnige Seite: Die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben verschwimmen immer mehr. Eine wichtige Rolle dabei spielt auch die Digitalisierung; wir haben unser Diensthandy auch am Wochenende dabei, stehen mit unseren Vorgesetzten über Whatsapp in Kontakt. Dadurch wird es immer naheliegender, Beruf und Identität miteinander zu verwechseln. Wenn du auch in deiner Freizeit deiner beruflichen Agenda nachgehst, was trennt das Arbeitsleben dann noch von deinem „echten“ Leben? Und weitergedacht: Warum solltest du dich nicht dadurch definieren, womit du den Großteil deiner Zeit verbringst? Genau darin liegt aber die Gefahr: Unsere Arbeit wird – trotz oder gerade wegen der viel postulierten Work-Life-Balance – zum absoluten Mittelpunkt unseres Lebens. Verlieren wir sie, verlieren wir uns. Denn was sagen wir sonst das nächste Mal, wenn uns jemand fragt, was wir machen?

Nichts ist für immer

Ein Job ist außerdem – so sicher er auch an gängigen Maßstäben gemessen sein mag – nichts Permanentes, nichts für immer. Er ist nicht in deiner Persönlichkeit verankert, was es gefährlich macht, deine Identität mit Arbeit gleichzusetzen. Denn auch wenn du deinen Job gerne machst, kann sich viel verändern. Abgesehen davon, dass du deine Stelle verlieren könntest, veränderst du dich selbst vielleicht und findest eines Tages keinen Sinn mehr in deiner Branche. Und selbst, wenn nicht – irgendwann gehst du in Pension. Vor allem Menschen, die sich sehr über ihren Beruf definiert haben, kommen mit dem plötzlichen Wegfallen desselben oft schwer zurecht. Umso wichtiger ist es, sich immer wieder darauf zu besinnen, wer man abseits seiner Erwerbstätigkeit ist.

Verlier dich nicht

Unser Fazit: Wir alle sollten nicht vergessen, dass unsere Arbeit nicht bestimmt, was für Menschen wir sind. Egal, ob du deine Arbeit hasst, toll findest, sie dir egal ist oder du gerade gar keine hast – du bist so viel mehr. Du kannst den trockensten Accounting-Job haben und trotzdem eine faszinierende, kreative, fantasievolle Person sein. Das heißt im Alltag: Denke bewusst regelmäßig darüber nach, was dich ausmacht. Lass dabei alles, was mit deinem Beruf, deiner Karriere oder deiner Ausbildung zu tun hat, weg. Was begeistert dich, womit verbringst du am liebsten deine Zeit, welche Persönlichkeitsmerkmale definieren dich? Wie hat sich all das in den letzten Jahren verändert? Es kann sehr wertvoll für die persönliche Entwicklung sein, diese Dinge aufzuschreiben. Der nächste Schritt geht nach außen: Rede mit anderen darüber. Wenn du dir unsicher bist, was dich ausmacht, frag Freunde, die dich gut kennen, und Menschen, die dich erst vor Kurzem kennengelernt haben. Auch, wenn das auf den ersten Blick lächerlich erscheinen mag: Genau diese Überlegungen helfen dir dabei, eine starke Persönlichkeit abseits von gesellschaftlichen Erwartungen und finanziell notwendigen Beschäftigungen zu bilden. Genau dadurch machst du dein eigenes Glück unabhängig von deiner Arbeit und kannst andere dazu inspirieren, das Gleiche zu tun. Vielleicht beantwortest du ja das nächste „Was machst du?“ mit etwas, das du liebst.