Judy Duportail, Journalistin bei ‚The Guardian‘, beantragte bei Tinder Einsicht in die über sie gesammelten Daten. Das Ergebnis: 800 Seiten voller intimer Details.

Smartphone-Apps sind mittlerweile ein fixer Bestandteil unseres Alltags geworden. Wir alle benutzen sie, ohne darüber nachzudenken. Genauso wenig denken wir darüber nach, welche Daten dabei von uns gesammelt und wozu diese verwendet werden. Dabei ist es unser Recht, das zu wissen: Nach dem Datenschutzrecht der EU haben alle europäischen Bürger das Recht, die von ihnen gesammelten Daten von Unternehmen anzufordern. Journalistin Duportail hat genau das gemacht – und einen erschreckend detaillierten Einblick in ihre soziale Vergangenheit bekommen. Denn Tinder speicherte nicht nur ihre Profilbeschreibungen, -fotos und Facebook-Likes. Auch ihre Altersvorlieben bei der Partnersuche, der Anteil an ethnischen Gruppen in den Matches, Daten aus längst gelöschten Instagram-Accounts und sämtliche Chat-Protokolle aus jahrelanger Nutzung der App wurden dokumentiert.

Es sind vor allem letztere, die sehr intime Einblicke in sexuelle Vorlieben, Lieblingsspeisen, oft besuchte Orte und heimliche Ängste geben können. Doch auch andere Nutzungsdetails werden erfasst, wie zum Beispiel die Verweildauer auf Profilen vor einer Entscheidung, die durchschnittlichen Nutzungszeiten und -intervalle und Charakteristika der Menschen, die (nicht) am eigenen Profil interessiert sind.Tinder Match

Wozu und wie genau Tinder diese enorme Menge an Daten nutzt, ist nicht vollkommen klar. Fest steht, dass die Daten neben der Individualisierung von Werbung dazu verwendet werden, um Usern eine bessere, passendere Auswahl an potentiellen Matches zu zeigen. Wie genau das abläuft, gibt das Unternehmen nicht preis, da dies laut Tinder einen wichtigen Teil seiner Technologie und intellektuellen Eigentums darstellt.

Selbstverständlich ist Tinder bei weitem nicht der einzige Konzern, der so vorgeht. Wir alle füttern verschiedene Unternehmen, App- und andere Anbieter von Online-Diensten täglich mit teilweise höchst sensiblen Daten – schon alleine durch die Nutzung unseres Smartphones. Und das ohne darüber nachzudenken, ohne zu filtern und ohne uns zu fragen, was damit passiert. Diese Informationen werden ausgewertet, miteinander verbunden und fließen wiederum in Entscheidungen, die Entwicklung von Programmen und unsere Auswahl an Medieninhalten ein. Sogar auf die Sichtbarkeit von Jobangeboten oder die Höhe von Versicherungen können derartige Daten Einfluss nehmen. „Irgendwann wird unsere ganze Existenz davon betroffen sein“, meint Paul-Oliver Dehaye von personaldata.io.

Natürlich fällt das alles im täglichen Leben kaum auf – doch was, wenn Datenbänke gehacked und sensibelste Informationen geleaked werden? Stell dir vor, jemand wüsste nicht nur, wo du in deiner Stadt gerne frühstücken gehst, sondern auch, wie oft du in den letzten Monaten dort warst, mit wem und woher ihr euch kennt. Stell dir vor, nicht nur deine Alterspräferenzen in einer Dating-App kommen an die Öffentlichkeit, sondern auch der verregnete Katersonntag, an dem du 14 Frauen ein- und dieselbe Nachricht geschickt hast, ist kein Geheimnis mehr. Der gläserne Mensch ist schon lange keine Zukunftsfantasie mehr. Es bleibt abzuwarten, wie privat unsere Privatsphäre tatsächlich bleibt.