„…die hat wohl Daddy Issues“. So beendete ein Bekannter seine Ausführungen über den aktuellen Streit mit seiner Flamme und ihre emotionale Reaktion, die er nicht nachvollziehen kann. Mir lag sofort ein „Was ist denn das für eine Begründung?“ auf der Zunge, doch ich hielt mich zurück. Von Daddy Issues – zu deutsch Vaterkomplex – hat schließlich jeder schon einmal gehört. Gerne wird so die Beziehung zum Vater als Begründung für das Verhalten von Frauen oder deren Partnerwahl herangezogen – jedoch meist, ohne zu wissen, was das eigentlich bedeutet. Auch in der Popkultur wird oft mit dem Begriff gespielt. Auf eine genauere Erklärung wartet man jedoch vergeblich. Existieren Daddy Issues tatsächlich oder sind sie nur ein Urban Myth? Und falls sie es tun – woran erkennst du, dass sie auf deine Angebetete zutreffen? 

Was sind Daddy Issues?

Die Definition von Daddy Issues ist äußerst schwammig. Urban Dictionary erklärt sie folgendermaßen:

„Was ein Mädchen hat, das von ihrem Vater zurückgewiesen wurde. Resultiert oft in Problemen, einen Partner zu finden und anderen Menschen zu vertrauen. Frauen mit Daddy Issues daten auch manchmal ältere Männer.“

Neben dieser Verwendung werden Daddy Issues auch Frauen zugeschrieben, die immer wieder an Partner geraten, die sie schlecht behandeln. Vor allem in Filmen und Serien wird das Wort außerdem auch für sexuell offene Frauen benutzt.

Der psychologische Vaterkomplex

Viel fundierter ist die Definition des deutschen Begriffs „Vaterkomplex“. Definiert wurde dieser ursprünglich von Psychoanalytiker C.G. Jung unter dem Namen „Elektrakomplex“. Benannt wurde er nach der griechischen Sagenfigur Elektra, die ihren Vater rächte, indem sie ihre Mutter umbrachte. Der Elektrakomplex ist also das Gegenstück zum Ödipuskomplex: eine übermäßig starke Bindung der Tochter an ihren Vater und damit verbunden eine Feindseligkeit gegenüber der Mutter.

In seiner modernen Verwendung wird der Vaterkomplex auf eine Beziehung zum Vater bezogen, die entweder besonders intensiv und liebevoll oder distanziert bis feindlich ist. Da der Vater im Leben jeder Frau die erste männliche Bezugsperson darstellt, ist ein Einfluss auf die spätere emotionale Entwicklung nicht von der Hand zu weisen. Je nach Ausprägung kann sich das Vater-Tochter-Verhältnis auf verschiedene Art und Weise im späteren Verhalten einer Frau zeigen.

Daddy’s Princess

War die Beziehung zum Vater sehr liebevoll und eng, werden womöglich sehr hohe Maßstäbe für spätere Partner gesetzt. Der Vater trug die Tochter auf Händen, behandelte sie wie eine Prinzessin und wurde dafür angehimmelt – danach suchen viele betroffene Frauen in ihrer zukünftigen Partnerschaft. Oft zeigt sich das, indem stets die volle Aufmerksamkeit des Partners beansprucht wird. Viele laufen dadurch in Gefahr, sich überfordert zu fühlen. Typisch für diese Art der Vaterbeziehung ist auch eine Präferenz für ältere Männer oder für Personen, die dem Vater ähneln. Das kann sich in ähnlichem Aussehen des Partners oder sogar in gleichen Berufsrichtungen oder Lebensansichten widerspiegeln.

Schwierige Kindheit

Entwickelte sich das Verhältnis zwischen Vater und Tochter eher distanziert oder sogar feindselig, ist das Gegenteil der Fall: Viele Frauen mit diesem Hintergrund bevorzugen Männer, die nichts mit ihrem Vater gemeinsam haben. In ihrem Verhalten zeichnen sie sich oft dadurch aus, dass sie sehr viel Zuneigung und Liebesbeweise brauchen. Damit wird unbewusst versucht, Bedürfnisse nach Anerkennung nachträglich zu erfüllen. Besonders Frauen mit einem problematischen Familienhintergrund fühlen sich jedoch gleichzeitig zu „Machos“ hingezogen, von denen sie genau das nicht bekommen. Diese Präferenz ist mit einer Rückkehr in aus der Kindheit bekannte Schemata zu begründen. Deshalb ist es auch möglich, dass Frauen in späteren Beziehungen sehr emotional auf Komplikationen reagieren – ebenfalls ein aus Kindertagen gewohnter Mechanismus. Auf der anderen Seite verursacht ein negativ gefärbtes Vaterverhältnis auch den stark ausgeprägten Willen, dem Partner zu gefallen. Schmeicheleien, kleine Überraschungen oder sexuelle Gefälligkeiten sind daher oft keine Seltenheit.

Was kannst du tun?

Du hast deine Liebste hier wieder erkannt? Kein Grund, nervös zu werden. Das Liebesleben jedes Menschen wird durch seine Vergangenheit beeinflusst. Was bei einem Menschen der Mangel an väterlicher Liebe ist, ist beim nächsten übermäßiger Leistungsdruck in der Familie. Jeder hat sein Päckchen zu tragen. In jedem Fall hilft es, sich damit auseinanderzusetzen, welche Erlebnisse bestimmte Verhaltensweisen verursacht haben und sich bewusst zu werden, womit man noch nicht abgeschlossen hat. Dabei kann der Partner eine große und wichtige Stütze sein. Meist hilft bereits das Ansprechen von tiefsitzenden Problemen enorm. Hast du das Gefühl, deine Partnerin leidet unter dem (früheren) Verhältnis zu ihrem Vater und kann gewisse Mechanismen nicht ablegen, die eurer Beziehung schaden, rede mit ihr darüber. Mach ihr jedoch keine Vorwürfe, schließlich ist sie sich dessen vielleicht gar nicht bewusst. Versuche, so neutral und unterstützend über ihre prägenden Erlebnisse zu reden und wenn nötig einfach nur zuzuhören. Im besten Fall geht eure Beziehung intensiviert und so stark wie noch nie daraus hervor.