Wenn die Bundestagswahl ansteht, ist das für alle Beteiligten immer eine spannende und herausfordernde Zeit. Nicht umsonst heißt es ja auch Wahlkampf! Jeder Kandidat, derjenige, der noch im Amt ist und diejenigen, die sich neu um das Amt bewerben, d.h. ihn ablösen möchten, werben mit großer Intensität um die Gunst der Wähler.

Beim „Amtsinhaber“ bzw. im aktuellen Fall der „Amtsinhaberin“ hatte der Wähler in der Regel bereits mehrere Jahre Gelegenheit, die politischen Fähigkeiten mit allen Vor- und Nachteilen wahrzunehmen. Er bewegt sich in gewisser Weise auf vertrautem Terrain. Ganz anders sieht es für den Kandidaten aus, der auf bundespolitischer Ebene wie in diesem Fall keine Erfahrung vorweisen kann, d.h. beim Wähler noch Überzeugungsarbeit leisten muß – sowohl durch seinen Werdegang als auch seine Präsenz durch Wort und Tat im Wahlkampf.

Biographie

Am 20.12.1955 wurde Martin Schulz als jüngstes von fünf Kindern in Hellrath, heute Eschweiler, in einem katholisch-konservativen Elternhaus geboren. Sein Vater war ein sozialdemokratisch geprägter Polizeibeamter, seine Mutter Hausfrau, Gründungsmitglied der CDU im Ortsverband Würselen. Politik war in dieser Familie immer eine wichtige Thematik, über die ein lebhafter Austausch stattfand.

Die schulische Laufbahn gestaltete sich als schwierig: nachdem er nicht zum Abitur zugelassen worden war, verließ er 1974 die Schule mit der Fachhochschulreife. Kaum volljährig geworden, sprach er in wachsendem Maße dem Alkohol zu. Ihm gelang es jedoch die Sucht in den Griff zu bekommen, seit 1980 ist er abstinent. Nach einem Jahr der Arbeitslosigkeit absolvierte er schließlich von 1975-1977 eine  Ausbildung zum Buchhändler, nach deren Abschluss er mehrere Jahre in verschiedenen Buchhandlungen und Verlagen arbeitete.1982 gründete er gemeinsam mit seiner Schwester Doris eine eigene Sortiments- und Verlagsbuchhandlung, deren Mitinhaber er bis 1994 war.

Eigentlich hätte er Fußballprofi werden wollen und verfolgte dieses Ziel auch über viele Jahre hinweg. Eine gravierende Knieverletzung machte jedoch frühzeitig alle Pläne zunichte, eine Zeit, in der er auch über Suizid nachdachte.  Martin Schulz trat Im Alter von 19 Jahren der SPD bei und war bereits mit 31 Jahren Bürgermeister von Würselen, damals als jüngster Bürgermeister von Nordrhein-Westfalen.

In seiner politischen Karriere läßt sich ein konsequenter roter Faden verfolgen: vom Juso in die Kommunalpolitik, Bürgermeister, später Abgeordneter im Europaparlament und schließlich Parlamentspräsident. Weggefährten haben ihn immer authentisch erlebt und ihm ist es gelungen, sich durch das zielstrebige Verfolgen seiner Karriere auch deren Respekt zu verschaffen, ebenso durch seine Freundlichkeit und seine emphatischen Fähigkeiten. Zu seinen großen Begabungen gehört es, dank seiner enormen Willenskraft und Selbstdisziplin seine Schwächen stets in Stärken zu verwandeln.

Rein formal verfügt er über keine umfassende Bildung: er hat kein Abitur und somit auch kein Studium; de facto ist er hochgebildet, ausgesprochen belesen, spricht sechs Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch) und kann mit der politischen Elite auf höchstem Niveau mithalten.

Martin Schulz ist mit einer Landschaftsarchitektin verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Martin Schulz

Kanzlerkandidat

Nach 22 Jahren im Europa-Parlament, davon 5 Jahre als dessen Präsident, wurde er im Januar 2017 zum Fraktionsvorsitzenden der SPD und zum Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl ernannt. Damit widerlegt er das Klischee, Posten bei der EU stünden immer am Ende einer politischen Karriere. Am 14. Dezember 2016 verabschiedete er sich als Präsident vom Europäischen Parlament in Straßburg, das er durch seinen Einsatz stärker geprägt hat als viele seiner Vorgängerinnen und Vorgänger.

Im Parlament galt er als ein Mann der klaren Worte, ein Mann mit Ecken und Kanten, der das Parlament zum Schluss  fünf Jahre gut, aber auch mit harter Hand geführt hat. So polarisierte er die Menschen so manches Mal sowohl durch sein Temperament als auch durch sein Machtstreben. Er selbst sieht seine wichtigste Aufgabe darin „die demokratische Legitimität europäischer Entscheidungen zu stärken“.

Im Laufe seiner Karriere empfing Schulz zahlreiche Ehrungen. Im Dezember 2016 wurde der scheidende Präsident des Europaparlaments vom Bundespräsidenten noch mit dem Großen Verdienstkreuz ausgezeichnet, bei dessen Verleihung  Joachim Gauck ihn als „begeisterten und begeisternden Europäer“ würdigte. Die Nominierung zum Kanzlerkandidaten erfolgte einmütig, nachdem Martin Schulz durch Sigmar Gabriel vorgeschlagen worden war, der ihm gleichzeitig auch den Parteivorsitz übertrug.

Nach der überraschenden Nominierung entstand ein regelrechter Hype, der die SPD in den Umfragewerten plötzlich auf mehr als 30% katapultierte. Doch dann folgte der Absturz, den sich die SPD bis heute selbst nicht schlüssig erklären kann. Die Partei selbst steht geschlossen hinter ihrem Kandidaten. Auch das TV-Duell mit Angela Merkel endete im Grunde mit einem Remis bzw. am Ende mit einem deutlichen Vorsprung für Angela Merkel. Einerseits wünschen sich die Menschen einen Wechsel, eine neue Ära, aber nicht mit der SPD. Zumindest war die CDU in den vergangenen Jahren ein Garant für eine gewisse Stabilität! Neben vielen anderen Themen wird natürlich die Flüchtlingsfrage auf viele Jahre ein brisantes Kernthema bleiben, gleichgültig unter welcher Regierung. Wie bei jedem Wahlkampf lassen sich tendenzielle Prognosen stellen, dennoch muß auch immer eine gewisse Unentschlossenheit der Wähler berücksichtigt werden, die zum Schluss noch für Überraschungen sorgen kann.

Welche Versprechen will er einlösen?

Es gibt vier Vorhaben, die aus seiner Sicht „unverhandelbar“ seien, die er umsetzen will: das sind gerechte Löhne, Chancengleichheit bei der Bildung, eine sichere Altersvorsorge und ein demokratisches Europa, das sich für den Frieden einsetzt.

Frauen und Männer sollen für die gleiche Arbeit das gleiche Geld erhalten. Desweiteren soll es möglich sein, von der Teilzeit wieder in die Vollzeit zurückzukehren. Die willkürliche Befristung von Arbeitsverträgen soll beendet werden.

Die Regierung wolle in Zukunft für sichere Renten sorgen und die Beiträge stabilisieren.

Weiterhin sprach sich Schulz für eine nationale Bildungsallianz aus, die Milliardeninvestitionen in Schulen vorsieht und eine Angleichung der Standards in den Bundesländern anstrebt. Die Kita-Gebühren sollen abgeschafft und der Ausbau von Ganztagsschulplätzen ausgebaut werden. Denn wer in die Bildung investiert, sorgt für die Zukunft unserer Kinder und dadurch auch für unsere eigene.

Der britische EU-Austritt, die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten und der wachsende Rechtspopulismus habe die Menschen verunsichert. Wiederholt sprach er davon, dass Europa für ihn „eine Herzensangelegenheit und eine Schicksalsfrage“ sei. Deshalb wolle er als Kanzler unsere Werte schützen und verteidigen.

Titlelbild: Von Mettmann – Eigenes Werk, CC BY 3.0