Visionär, Klangästhet, Perfektionist 

Wer all seine Ziele erreicht, hat sie wahrscheinlich zu niedrig gewählt. – Herbert von Karajan

Herbert von Karajan war ein österreichischer Dirigent und zählt zu den bedeutendsten und bekanntesten des 20. Jahrhunderts. Er entwickelte eine ganz eigene Spielkultur: seine Klangschönheit, betörende Legati, Virtuosität und Perfektion sind legendär. Sein Ideal war ein „entmaterialisierter, geglätteter, stromlinienförmiger Klang, der alle Körperlichkeit und Ansatzgeräusche bei der Tonbildung vermeidet.“ Seiner Tochter Isabel vermittelte er schon in jungen Jahren, dass es oberste Priorität habe, alles mit Hingabe und Perfektion zu machen, ein Credo, an das er sich selber zeitlebens hielt, nicht nur in der Musik. Er arbeitete weltweit mit den besten Symphonieorchestern zusammen, wirkte an bedeutenden Opernhäusern, war Initiator zahlreicher Projekte und Initiativen und veröffentlichte mehr Einspielungen klassischer Werke als die meisten seiner Kollegen.

Biographie

Herbert von Karajan 1963

Theodor von Karajan, der Urgroßvater Herbert von Karajans, wurde 1869 in Wien mit dem Ritterkreuz des Leopoldordens ausgezeichnet und laut den Ordensstatuten als Ritter von Karajan in den erblichen österreichischen Ritterstand versetzt. Herbert von Karajan wurde am 5.4.1908 als Sohn des angesehenen Chirurgen Ernst von Karajan und seiner Frau Marta Kosmac, die aus einer slowenischen Familie stammte,  in Salzburg geboren. Das Elternhaus war musikalisch geprägt und sehr aufgeschlossen. Der Vater spielte Klarinette, war ein bei seinen Patienten sehr beliebter Arzt und ließ die Kinder, Herbert und seinen zwei Jahre älteren Bruder Wolfgang, weitgehend frei. Herbert studierte, bevor er sich endgültig seiner musikalischen Laufbahn zuwandte, einige Semester Maschinenbau an der Technischen Hochschule in Wien. 1919 wurde der Adelsstand in Österreich aufgehoben, Herbert von Karajan durfte den Titel als Künstlernamen jedoch weiter führen.  1912 begann Karajan eine pianistische Ausbildung bei Franz Ledwinka. Nach der Matura im Jahre 1926 studierte er neben dem Maschinenbau Musikwissenschaft an der Universität Wien, Klavier bei Josef Hofmann sowie Dirigieren bei Franz Schalk und Alexander Wunderer.

Am 22. Januar 1929 trat Herbert von Karajan zum ersten Mal öffentlich mit dem Mozarteum-Orchester in Salzburg auf. Der Intendant des Ulmer Stadttheaters lud ihn daraufhin zum Probedirigat ein und Karajan wurde 1930 Erster Kapellmeister am Stadttheater und beim Philharmonischen Orchester in Ulm.

Karriere im NS-Staat

Am 8. April 1933 trat Herbert von Karajan in Salzburg der NSDAP bei, ein zweites Mal 1935 in Aachen, da seine Mitgliedschaft während des Verbotes in Österreich geruht hatte. Sein Verhältnis zum NS-Staat war schwierig, hat viele Facetten und ist umstritten. Enge Vertraute sagten, dass er ein Opportunist war, aber auf keinen Fall von den Nationalsozialisten überzeugt. Dennoch begann in dieser Zeit seine beispielhafte Karriere! 1935 wurde er am Stadttheater Aachen der jüngste Generalmusikdirektor Deutschlands.1938 leitete Karajan zum ersten Mal die Berliner Philharmoniker, das Orchester, das Jahre später eine entscheidende Rolle in seinem Leben spielen sollte. Im August 1944, in der Endphase des Zweiten Weltkrieges, wurde Karajan in die von Hitler genehmigte „Gottbegnadeten-Liste“ der wichtigsten Dirigenten aufgenommen, was ihn vor dem Kriegseinsatz bewahrte. Das Kriegsende verbrachte Karajan mit seiner damaligen Frau Anita in Mailand und am Comer See.

Wichtige Stationen seines Lebenslaufes nach dem 2. Weltkrieg

Edward Astley, ein britischer Offizier, Mitglied des Intelligence Corps in Mailand und Triest, beschäftigte Karajan nach Kriegsende und setzte sich für ein Engagement bei den Wiener Philharmonikern ein. Das Entnazifizierungsverfahren Herbert von Karajans wurde ohne schriftliche Belege abgeschlossen: Karajan habe genug gelitten und immer nur für die Musik gelebt. Im Januar 1946 gab er in Wien sein erstes Konzert seit Kriegsende, was ihm von der sowjetischen Besatzungsmacht wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft ein Berufsverbot einbrachte, das allerdings 1947 wieder aufgehoben wurde. 1948 debütierte er an der Mailänder Scala und war dort Gast als Dirigent und Regisseur bis 1968.

Die Berliner Philharmoniker

Herbert von Karajan

Nachdem Karajan 1938 das erste Mal die Berliner Philharmoniker dirigiert hatte, wurde er als Sensation gefeiert, nicht zur Freude von Wilhelm Furtwängler, der den jungen Konkurrenten mit Argwohn beobachtete und ihn seither als Rivalen betrachtete.

Im November 1954 starb Furtwängler, der begnadete Dirigent der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine bereits geplante Amerika-Tournee für das Folgejahr übernahm Karajan und wurde, nachdem sie erfolgreich absolviert war, 1956 zum neuen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker auf Lebenszeit  ernannt. Karajan war ein Verehrer von Arturo Toscanini und Wilhelm Furtwängler. Interessant sind in diesem Zusammenhang folgende Fakten: Furtwängler -ebenso wie sein Interims-Vorgänger Sergiu Celibidache- fühlten sich absolut  der Live-Musik verpflichtet und standen der technischen Entwicklung auf diesem Gebiet sehr kritisch bzw. ablehnend gegenüber. Herbert von Karajan hingegen stand sämtlichen Neuerungen der Aufnahmetechnik sehr aufgeschlossen gegenüber und versuchte durch unzählige Aufnahmen im Sinne eines Vermächtnisses die Musik, aber auch sich selbst zu verewigen! Furtwängler fühlte sich zeitlebens eigentlich als Komponist und weniger als Dirigent, eine Tatsache, die für ihn sehr schmerzlich war. Bereits in jungen Jahren hatte er komponiert und erst gegen Ende seines Lebens wieder dafür die nötige Zeit und Ruhe.

Karajan sagte einmal in einem Interview, dass er sich nie zum Komponisten berufen gefühlt habe und dass das andere besser als er könnten!

Unter Karajan begann für die Berliner Philharmoniker eine neue Ära: er verkörperte den Dirigententyp der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts: energisch, visionär, charismatisch. Neben der Musik war er auch anderen schönen Dingen des Lebens zugewandt – er war ein begeisterter Pilot, Skifahrer, Segler und Sportwagenfahrer. Karajans Ziel war es, mit den Philharmonikern einen ganz eigenen Klangkörper zu schaffen, die besten Eigenschaften seiner Vorbilder Toscanini und Furtwängler mit seinem eigenen Stil verschmelzen zu lassen. Was viele Musiker irritierte, war, dass er stets mit geschlossenen Augen dirigierte. Karajans Philosophie aber war, dass die entscheidenden Dinge vorher, in einer intensiven Probenarbeit, geschehen.

Unter Karajans Leitung entwickelten sie sich vom Weltorchester zum Global Player dank zahlreicher Tourneen nach Amerika, Japan und China und durch  unzählige Ton- und Bildaufzeichnungen nahm ihre mediale Strahlkraft stetig zu. Das äußere Zeichen für den wachsenden Ruhm war der neue von Hans Scharoun entworfene Konzertsaal, für dessen Bau sich Karajan energisch eingesetzt hatte und der 1963 eingeweiht wurde.

Berliner Philharmonie

Die meisten Musiker empfanden Karajan als großartig, jovial und haben gerne mit ihm gearbeitet. Die Probenarbeit war intensiv, aber es ging immer um die Sache. Das magische Gesamtkunstwerk stand im Mittelpunkt. Manche empfanden ihn allerdings auch als distanziert und unnahbar. Solisten fühlten sich in besonderem Maße von ihm unterstützt und getragen. Christian Thielemann, ein früherer Assistent von ihm und heute selbst ein berühmter Dirigent, schildert ihn als großen Charismatiker mit einer unglaublichen Leichtigkeit, als entspannte Autorität, der die Materie perfekt beherrschte. Karajan hatte eine Leidenschaft für tonale Schönheit: Atmosphäre, Duft und Melos erachtete er als wichtiger denn strammen Rhythmus. Thielemann selbst wurde von ihm schon in jungen Jahren entscheidend gefördert; Karajan war an jungen begabten Leuten immer sehr interessiert und setzte sich vehement für sie ein.

Für Anne-Sophie Mutter und viele andere Musiker wie z.B. Mariss Janssons, Seiji Ozawa, Claudio Abbado, Valerij Gergiev  und viele andere war er das Sprungbrett für ihre internationalen Karrieren. In späteren Jahren kam es zwischen Karajan und den Philharmonikern zu vielen Schwierigkeiten und zur Entfremdung, beginnend mit den Auseinandersetzungen um die Klarinettistin Sabine Meyer. Im April des Jahres 1989 legte er schließlich sein Amt als Chefdirigent nieder. Er starb am 16.Juli desselben Jahres in Anif/Salzburg an einem Herzinfarkt.

Weitere Initiativen (Auswahl)

In Bayreuth war er nur zwei Spielzeiten. Aus persönlichen Gründen entstand dort keine längere Zusammenarbeit. Von 1956-1960 war Karajan künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele. 1967 gründete er die Salzburger Osterfestspiele und setzte die Berliner Philharmoniker als Opernorchester ein. 1973 folgten die Salzburger Pfingstfestspiele. Um den Nachwuchs zu fördern, inaugurierte er 1969 den Herbert von Karajan- Dirigentenwettbewerb.

Eliette von Karajan

Mit Eliette von Karajan war Karajan in dritter Ehe von 1958-1989 verheiratet. Sie wurde als Eliette Mouret am 13. August 1939 in Nizza, Südfrankreich geboren. Mit 18 Jahren wurde sie von Christian Dior entdeckt und arbeitete für ihn als Fotomodell. 1957 lernte sie ihren späteren Gatten kennen. Sie heirateten am 6. Oktober 1958, 1960 kam die Tochter Isabel,1964 Tochter Arabel auf die Welt. Paten wurden die Wiener Philharmoniker und die Berliner Philharmoniker.

Bereits in ihrer Zeit als Fotomodell besuchte sie eine Malakademie, schloss sie aber aufgrund ihrer zahlreichen anderen Verpflichtungen nicht ab. Nach einem Besuch der von Oskar Kokoschka initiierten „Schule des Sehens“ begann sie wieder zu malen. Viele bedeutende Künstler hatten Einfluss auf ihr künstlerisches Schaffen. Ihr Ehemann unterstützte sie in ihren Bestrebungen und empfand sie als Bereicherung:“In ihrem ganzen künstlerischen Denken und Fühlen ist sie ein Mensch, der zuerst vom Bild her kommt. Sie hat eine ungeheure Phantasie in ihrer Art, die Dinge zu sehen, und es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann sie mit der Malerei beginnen mußte. … Für mich ist das ein riesiges Glück, denn sie mußte natürlich auch einmal erfahren, wie es um das Hoch und Tief künstlerischen Schaffens bestellt ist. Man kann nicht erwarten, dass alles gelingt.“

Ihre Bilder wurden 1982 erstmals publiziert, indem sie anlässlich des 100-jährigen Bestehens  der Berliner Philharmoniker als Cover und Einzelbeilagen einer Sonderedition verwendet wurden. Sie begleitete Herbert von Karajan auf seinen Reisen und Gastspielen und führte ein Leben inmitten der Bewunderer des „Maestro“. Heute ist sie eine international angesehene Kunstmäzenin und Ehrenpräsidentin der Osterfestspele Salzburg. Ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass 1995 in Wien das Herbert von Karajan Centrum mit dem Archiv all seiner Ton- und Bildaufzeichnungen entstand. Am 1. Dezember 2005 gründete sie das Eliette und Herbert von Karajan Institut, das sich der Unterstützung ihrer Tätigkeit als Kunstmäzenin und der Pflege des Vermächtnisses ihres Mannes widmet.

Herbert von Karajans Vermächtnis und der Weg ins 21. Jahrhundert

Die Stunden in der Philharmonie sind und bleiben für mich die Mitte der Welt. – Richard von Weizsäcker

1990, im Jahr der Wiedervereinigung, wurde Claudio Abbado Karajans Nachfolger, ein Dirigent, der dem Orchester auch schon lange vertraut war: ein Dirigent mit Kultstatus. Das Orchester verjüngte sich unter seiner Ägide, ein Generationenwechsel fand statt! Er wurde vom Publikum verehrt und geliebt und blieb auch nach seinem Weggang 2002 dem Orchester bis zu seinem Tod im Jahr 2014 verbunden. Ebenso wie sein Vorgänger konnte auch Sir Simon Rattle auf eine langjährige inspirierende Zusammenarbeit mit dem Orchester zurückblicken.

Er stand vor der Herausforderung das Orchester ins 21.Jahrhundert zu führen. Die Verjüngung setzte sich unter ihm fort ebenso wie ein demokratischer Umgangston und er hatte das Ziel, ein durch und durch europäisches Orchester zu formen. Zu seinen Verdiensten gehört das Education-Programm, das Menschen einen Zugang zur klassischen Musik eröffnen soll, die dazu sonst wenig oder gar keine Möglichkeiten haben, speziell Kindern und Jugendlichen. 2009 ist das Orchester online gegangen, sodass in Zukunft Menschen in aller Welt die Berliner Philharmoniker erleben können, eine Entwicklung, die sicher ganz im Sinne Karajans gewesen wäre.

Bild 1: Herbert von Karajan 1963 / © Dutch National Archives / Photo: Bilsen, Joop van / Anefo

Bild 2: Herbert von Karajan / © CC-BY-SA 3.0 / Photo: Thaler, E. / Bild 183-R92264

Bild 3: Berliner Philharmonie / © GNU Free Documentation License / Photo: Manfred Brückels